KDFB

Mai 2013

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Portale

Foto: Sickinger
Foto: H. Sickinger, Kirche St. Martin Ober-Olm

Immer wieder bleibe ich vor massiven Kirchenportalen stehen und bewundere die Arbeit von Zimmerleuten und Schmieden, die ihr solides Handwerk mit künstlerischem Einfallsreichtum zu verbinden wussten. Die kräftigen Scharnieren sind ein Meisterwerk der Schmiedekunst; man kann ihnen zudem ansehen, dass sie zum Lasten tragen gemacht sind. Je schwerer eine Tür ist, umso stärker muss das Scharnier sein, damit es ihrem Gewicht standhalten kann.

Scharniere haben eine Doppelfunktion: als Lastenträger müssen sie stabil, als verbindendes Gelenk  beweglich sein. Sie müssen rückgebunden sein an etwas Größeres, Stärkeres als sie selbst. An Türpfosten oder Mauern befestigt, sind sie belastbare Elemente, die eine Tür in ihren Angeln fest verankern. Auch schwere Tore lassen sich mit gut geölten Scharnieren bewegen:   

geschlossen können sie bergen und schützen,
geöffnet schaffen sie eine Verbindung zu anderen Räumen.

So ist das Scharnier wirklich das, was der lateinische Herkunftsbegriff „cardo“ aussagt: Angel- und Wendepunkt zugleich.

Ähnliche Gedanken gingen wohl der französischen Sozialarbeiterin Madeleine Delbêl (1904 – 1964) durch den Kopf und das Herz, als sie den Christinnen und Christen ihrer Zeit dieses Bild nahelegte:

Ein Scharnier „aus Fleisch“ zu sein, verbindendes Gelenk zwischen Kirche und Welt.

Dabei gibt es bei ihr keine künstliche Trennung der beiden Wirklichkeiten. Die Welt ist für sie nicht einfach ein profaner Ort, unheilig und Gott fern, getrennt von einer Kirche, die für sich allein die Anwesenheit Gottes beanspruchen könnte. Kirche hat ihre Sendung mitten in die Welt hinein, dort soll sie den verborgen gegenwärtigen Gott erfahrbar machen und seine Liebe bezeugen.

Menschen, die sich vom Evangelium anrühren lassen, sind lebendige Scharniere. Sie lassen nicht zu,

dass die Türe zwischen Kirche und Welt ständig zugeschlagen wird, dass die Be-weg-ung aufeinander zu nicht gewagt wird, sie suchen Begegnung –communio- auch mit denen, die ihren Platz bewusst „draußen vor der Kirchentüre“ haben und behalten wollen.

So kann für Madeleine ein nächtlicher Cafébesuch einen Sendungscharakter bekommen, um –wie sie sagt – Gott in der Welt einen Ort zu sichern.

Das Gespräch am Bistrotisch mit gescheiterten und ausgegrenzten Menschen wird zur stillen unaufdringlichen Verkündigung der Liebe Gottes und der Geschwisterlichkeit unter Menschen. In den verhärmten Gesichtern der Einsamen und Hoffnungslosen erkennt Madeleine die Züge Jesu. Das verrauchte Café mit seinen Musikanten und den lärmenden Leuten wird für sie ein Ort, an dem Gott und Mensch sich treffen können -  und dazu braucht Gott seine Christen – starke Frauen und Männer, die sich von ihm bewegen lassen. 

Madeleine nennt diese Begegnungen eine Liturgie der Außenseiter, die anders gefeiert wird als in den vertrauten Kirchenräumen, in der Gott dennoch anwesend ist und bezeugt wird, die sogar Wandlung geschehen lässt:

                                                              

„Das Café ist nun kein profaner Ort mehr,
dieses Stückchen Erde,
das dir den Rücken zu kehren schien.

Wir wissen, dass wir durch dich
ein Scharnier aus Fleisch geworden sind,
ein Scharnier der Gnade,
die diesen Fleck Erde dazu bringt,
sich mitten in der Nacht
fast wider Willen
dem Vater allen Lebens
zuzuwenden

In uns vollzieht sich das Sakrament deiner Liebe….
Durch uns zieh alles zu dir.“(1)

Gerne möchte ich zu den gut geölten und gelenkigen Scharnieren der Kirche gehören, auch wenn mir vor der Belastung und dem Kraftaufwand etwas bang ist. Zu zweit, zu viert, zu mehreren müsste es doch möglich sein, die Türen der Kirche beweglich zu halten!

Hildegard Sickinger, Geistliche Berätin Diözesanverband Mainz

1)      Madeleine Delbrêl, Gott einen Ort sichern, Texte, Gedichte, Gebete, Hg. Annette Schleinzer, Schwabenverlag 2002